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Schamanismus

Schamanismus ist ein religiös-magisches Phänomen, das bei verschiedenen indigenen Völkern praktiziert wird und nach der Meinung zahlreicher Ethnologen vor der Ausbreitung strukturierter Religionen ein wesentlich verbreiteres Phänomen gewesen ist als heute. Besonderes Merkmal ist der Einsatz verschiedenster Mittel (u.a. rhythmisches Trommeln, Tanz, psychedelische Drogen) zum Erreichen von Trancezuständen. Diese werden im Allgemeinen interpretiert als Übergang in einen anderen Seinszustand, eine Anderswelt und Kommunikation mit Geistern. Dem Schamanen wird zugesprochen, er erlange dadurch besondere Fähigkeiten der Heilung und Weissagung sowie verschiedenste spezifische magische Kräfte. So ausgestattet versieht der Schamane kulturspezifisch eine teils große Zahl von Rollen vom Heiler und Exorzisten über den Psychopompos (Begleiter der Seelen ins Totenreich) bis hin zum Zeremonienmeister.

Inhaltsverzeichnis
1 Allgemeines
2 Neoschamanismus
3 Zitate
4 Literatur
5 Weblinks

Allgemeines

Das Phänomen des Schamanismus gelangte hauptsächlich über die Erforschung der nordamerikanischen Indianerkulturen und der sibirischen Völker in das westliche Bewusstsein, ist aber in vielen Regionen der Welt nachweisbar. Oft finden sich im Substrat von Schriftreligionen schamanistische Elemente. In dem Zusammenhang zu nennen sind:

Der Begriff Schamane kommt wahrscheinlich vom evenkischen (d.h. tungusischen) šaman (ša: wissen?). Vertreter der Theorie, der Schamanismus sei von Indien oder Tibet nach Zentralasien und Sibirien gekommen, leiten ihn vom indischen Pali-Wort samana ("Bettelmönch") her. Eine weitere Deutung des Wortes Schamane stammt aus dem Manjutungisischen, einer Sprache Sibiriens und bedeutet "mit Hitze und Feuer arbeiten".

In der modernen Religionswissenschaft gilt es als problematisch, den in Sibirien erstmals vorgefundenen (tungusischen) Begriff auf alle oben genannten Phänomene zu übertragen. Verschiedene andere Vorschläge haben sich jedoch bisher gegen den sehr verbreiteten Schamanenbegriff nicht durchsetzen können.

Die Aufgaben des Schamanen umfassen u.a. Krankenheilung, Geleit verstorbener Seelen ins Totenreich, Abwehr böser Geister, Wettervorhersage und -beeinflussung, Finden von Jagdwild, Weissagung, (Prophetie), Schadenszauber, soziale Regulierung und den Umgang mit geistig gestörten Menschen.

Das schamanistische Weltbild ist in Schichten gegliedert, neben dem besonders häufig nachgewiesenen dreischichtigen Modell (Himmel, Erde, Unterwelt) kommen sieben- oder gar neunschichtige Modelle vor. An einer Achse, dem Weltenbaum, steigen die Schamanen auf und ab.

Dem Schamanen stehen meist ein oder mehrere Hilfsgeister bei, die gemäß dem Jagdumfeld dieser Völker meist in Tiergestalt vorgestellt werden. Der Schamane selbst gibt sich während des Rituals häufig eine Tiergestalt, legt sich Felle um und setzt Masken auf. Er arbeitet mit Amuletten und rituellen Musikinstrumenten, meist Trommeln.

Die Berufung der Schamanen ist selten freiwillig. Die Weitergabe des Wissens geschieht entweder über direkte Vererbung an blutsverwandte Nachkommen oder indem sich der (Ahnen-)Geist sein neues Medium selbst aussucht, was dem alten Schamanen durch Omen mitgeteilt wird. Oft sträubt sich das Medium eine Zeit lang gegen den besitzergreifenden Geist. Das Initiationssritual wird meist als Vorerleben des eigenen Todes samt Auflösung des Körpers gestaltet. Der Schamane muss für das alte Leben gestorben sein, um zwischen den Welten wandeln zu können.

Schamanische Techniken gelten in einem modernen naturwissenschaftlichen Weltbild nicht als wirklich und wirksam. Sie sind jedoch zur Behandlung psychosomatischer Krankheiten anerkannt und erfreuen sich bei Patienten, die vom modernen Weltbild nicht erreicht oder nicht überzeugt worden sind, weiterhin großer Beliebtheit.

Neoschamanismus

Wenn Schamanismus, wie Roger Uchtmann behauptet,

ein die Zeiten, Räume und Kulturen transzendierendes Phänomen ist, welches von einer ... allgemeinmenschlich-kognitiven Kompetenz ausgeht, die sich in visionärer Schau, Kritik und Entregelung Bahn bricht,
dann mag es gestattet sein, zumindest als Gedankenentwurf, schamanistisch zu interpretierende Tendenzen auch in den hierarchisch verschachtelten Kultursystemen unserer partikularisierten postmodern-westlichen Gesellschaft aufzuspüren und ihre Vergleichbarkeit zu hinterfragen.

Der amerikanische Anthropologe Prof. Michael Harner untersuchte eine Vielzahl von schamanischen Kulturen und formulierte Anfang der Achtziger Jahre das Konzept des Core-Schamanismus. Dabei handelt es sich um einen Satz von Kerntechniken, die in den schamanischen Traditionen in unterschiedlicher Ausgestaltung angewendet werden. Auf dieser Basis wurde ein kulturunabhängiger Weg zur schamanischer Erfahrung entwickelt, der von Menschen der modernen Welt gegangen werden kann. Die von Harner gegründete Foundation for Shamanic Studies (FSS) widmet sich der weltweiten Bewahrung, der weiteren Erforschung und Lehre des schamanischen Wissens.

Neben diesem Ansatz bilden das von Carlos Castaneda popularisierte schamanische Weltbild und zahlreiche weitere Versuche, die schamanische Denk- und Lebensweise in die moderne Welt zu übertragen, den Bereich des Neoschamanismus. Er wird teils dem Phänomen der neuen Religionen, teils der Esoterik zugerechnet. Der Begriff Neoschamanismus ist umstritten, weil er eine Unterscheidung vom traditionellen Schamanismus impliziert, die seine Vertreter keineswegs so sehen. Als Fremdbezeichnung ist er jedoch üblich.

Der Neoschamanismus ist ausgesprochen heterodox, d.h. seine Vertreter unterscheiden sich in Vorstellungen und Techniken teils sehr stark voneinander. Das Spektrum reicht von der Wiederentdeckung indigener Praktiken in der Ausbildung durch die wenigen verbliebenen traditionellen Schamanen bis hin zur Einbeziehung der Möglichkeiten von Computern und Internet. Diese Vielfalt ist möglich, da moderne Schamanen im Allgemeinen den Kontakt mit Geistern und der "Nicht-Alltäglichen Wirklichkeit" als einzig wichtiges Kriterium ansehen und die religiösen und sozialen Aspekte des indigenen Schamanismus' entweder der Gestaltung des Einzelnen überlassen oder völlig negieren.

"In sibirischen Kulturen und denen des tibetischen Hochlands ist die Trommel das Instrument für die visionären Reisen von Schamanen. Michael Oppitz erzählt von der magischen Trommel re bei den Magar im nepalesischen Himalaya: 'Die Periode vor der Initiation ist für den angehenden Schamanen gekennzeichnet durch psychische Störungen und Traumvisionen. In einer von diesen sieht er den Baum, aus dem seine künftige Trommel geschnitten werden soll ... An einem geeigneten Vollmondtag nach der Vision zieht eine kleine Expedition, bestehend aus dem Initianden, zwei Schamanen und sieben Gehilfen, ins Gebirge, um dort den Trommelbaum ausfindig zu machen'. Nach drei weiteren Visionen wird dann der Baum ausgewählt, von den Helfern gefällt und zwischen den Beinen abtransportiert, was auf die spätere Funktion der Trommel als Mittel der Fortbewegung gleich einem Reittier hindeutet. Nun folgt eine Phase sorgfältig beachteter Riten zur Herstellung des Trommelrahmens, z. B. das Eingraben in ein Erdloch als erste Unterweltreise der zukünftigen Trommel. Während der Prozedur müssen viele Gefahrenquellen überwunden werden, z. B. das Brechen der Rahmenlatte beim Biegen oder das Zerspringen während der Überblattung der Lattenenden. Beim Gelingen werden Götteropfer gebracht und bestimmte Ritualverse zitiert. Die Trommel wird wie ein Lebewesen behandelt, welches den Besitzer und Schöpfer bei seinem Wirken als Visionär und Heiler unterstützt und begleitet.

Diese Beispiele zeigen eindrucksvoll die konstruierte Struktur von Kultursystemen. Aneignung, Deutung und Produktion kultureller Medien, Techniken und Ausdrucksformen sind zunächst systemimmanent 'be-deutend' und können von der Warte eines anderen Systems erst einmal nur als fremd und weit entfernt wahrgenommen werden. Worin besteht dann die Möglichkeit eines 'Näher-rückens', einer 'An-eignung', eines transkulturellen Anschlusses? Wenn Schamanismus, wie Roger Uchtmann behauptet [1], 'ein die Zeiten, Räume und Kulturen transzendierendes Phänomen ist, welches von einer ... allgemeinmenschlich-kognitiven Kompetenz ausgeht, die sich in visionärer Schau, Kritik und Entregelung Bahn bricht', dann mag es gestattet sein, zumindest als Gedankenentwurf, schamanistisch zu interpretierende Tendenzen auch in den hierarchisch verschachtelten Kultursystemen unserer partikularisierten postmodern-westlichen Gesellschaft aufzuspüren und ihre Vergleichbarkeit zu hinterfragen.

Hinter dem 'dialektischen Modus', den Uchtmann dem schamanistischen Sein zuschreibt, steckt knapp formuliert die Idee der menschheitsgeschichtlichen Ontogenese und funktionalen Trennung der Gehirnhemisphären, die einen Vorgang der 'Bewusstseinsspaltung' auslöste, die den Punkt markiert, an dem der Mensch sich aus dem Kosmos der Natur herauslöst, an dem seine Bewusstwerdung in einem mythischen Bereich stattfindet und von dem an er zu Kritik und Synthese fähig ist. Der Mensch muss sich 'zu Beginn der Hominisation von der homöostatischen Ordnung der Natur, die sein Gedeih und Verderben regulierte, abgesetzt haben. Diese Normalität und Routine des Fressens und Gefressenwerdens im Einklang mit dem natürlichen Kosmos als selbstreferentielles und zyklisches System kann nur durchbrochen worden sein durch ein Eintauchen in das kreative Chaos des entstehenden Bewusstseins'. Uchtmann interpretiert den Schamanen nun als jemanden, der die 'Zwillingspersönlichkeiten', jeweils repräsentativ für die unterschiedliche Spezialisierung beider Gehirnhälften, in einen kreativ-produktiven Dialog bringen kann. Dabei liegt die kognitive Kompetenz der rechten Hemisphäre in der Wahrnehmung und Orientierungsfähigkeit in unbekannten Bereichen, während die der linken Zwillingshemisphäre die sozial-encodierte Abbildhaftigkeit der Welt repräsentiert. Der Schamane ist "... Mittler zwischen einem nokturnalen und nichtsprachlichen, mythischen Kontinuum und einem diurnalen, sprachlichen ritualisierten Bereich". Dabei ist es unerheblich, in welchem kulturellen Zusammenhang sich der Vorgang der Visionsschau abspielt, wichtig ist nur die Fähigkeit des Betreffenden, seine Vision in einem kulturell verständlichen Zeichensystem allgemein zugänglich zu machen. Insofern zieht Uchtmann das Beispiel Einsteins heran, der seine Relativitätstheorie visionär "geschaut" hatte, bevor er sie in ein der westlichen Wissenschaftskultur adäquates Zeichensystem brachte. Die einen Schamanen treibende Dynamik wird als Urkraft gesehen, die aufgrund ihrer Unberechenbarkeit eine Entfernung von der strukturiert-systematisierten Gesellschaft ermöglicht und damit eine kritisch-distanzierte Position einnehmen, visionär und hellsichtig sein kann. Diese Kritikfähigkeit sei zur treibenden Kraft der menschlichen Kulturgeschichte geworden, da es die schamanische 'Kunst' ermögliche, den Sinn von Regeln zu erfragen und diese zu verändern, 'Fluchtversuche aus der Tyrannei geistiger Gewohnheiten und erstarrter Routinemäßigkeiten' zu betreiben. Diese weitgefasste Interpretation schamanistischer Funktionen und Aufgaben ermöglicht eine Übertragung der Idee auf lebensweltlich nahe liegende kulturelle Systeme, wie z. B. die Rave-Kultur, und eine Untersuchung der hier wahrnehmbaren Erscheinungsformen. Dabei geht es nicht um eine simple Übertragung, sondern um eine Überprüfung der Vergleichbarkeit kultureller Techniken im Hinblick auf ihre Funktionalität für den Menschen. Den Ausführungen zugrunde liegt eine konstruktivistische, kulturrelativierende Auffassung von Dominanz- und Subkultur als selbstreferentielles, rekursives System. Wie oben bereits angeklungen, übernimmt ein Schamane in seinem Kultursystem eine bestimmte Funktion: Er bricht die phasenweise Geschlossenheit des Systems auf und stellt sich als Kontaktperson mit 'fremden Welten' und anderen Wirklichkeiten zur Verfügung, mögen diese nun innerhalb oder außerhalb des Kollektivs oder des darin existierenden Individuums liegend wahrgenommen werden. Die Frage nach einer 'realen' oder 'fiktiven' Wirklichkeit, die sich für den schamanisierenden Menschen kompensierend für das Kollektiv als unerheblich herausstellt, führt direkt zur Idee der Interpretation unserer medial-technisierten Lebenswelt als 'Hyperrealität' '... in der die Spannung zwischen Realem und Imaginärem zugunsten einer Virtualität aufgelöst ist'." Martina Claus-Bachmann 2000 [1]

Zitate

Schamanismus ist keine Religion, sondern ein Ganzes von ekstatischen und therapeutischen Methoden, die alle das eine Ziel verfolgen, den Kontakt herzustellen zu jenem anderen, parallel existierenden, jedoch unsichtbaren Universum der Geister, um deren Unterstützung für die Besorgung der menschlichen Belange zu erwirken. (Mircea Eliade, Handbuch der Religionen, 1995)

Literatur

Weblinks

Siehe auch: Ethnomedizin



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